position 54°24,9‘n, 10°15,3‘e
kystenbewohnerin birgit rautenberg-sturm
    Kieler Nachrichten, 1. März 2001   Gegen den Zeitgeist / Kunstprojekt um Valeska Gert   Die markanten Züge der Valeska Gert zeigen die Linolschnitte von Birgit Rautenberg-Sturm (linkes Foto) und die Bilder von Uta Kalthoff. Und Wübke Rohlfs schlüpft in die Rolle der Ausdruckstänzerin. Fotos fpr   "Ich hab' die tollsten Tänze vorgeführt. Dann hat man mich millionenfach kopiert. Wer weiß das schon..." Man weiß es. Valeska Gert, 1892 als Gertrud Valeska Samosch in Berlin geboren, gilt als Begründerin des Ausdruckstanzes. In ihren Solo-Auftritten als Kabarettistin und Schauspielerin im Berlin um 1916 revolutionierte die Frau mit der Abneigung gegen alles Liebliche, Unverbindliche, Gefällige den Tanz. Pantomime floss in ihr Spiel ein, Grimassen begleiteten expressive Bewegungen, kurz: Als ganz und gar ungewöhnlich und ein wenig befremdlich galten die Auftritte der Jüdin, die Anfang der Dreißiger nach Amerika emigrierte. Was ihr in Berlin das Kabarett "Der Kohlkopp", wurde in New York die "Beggar Bar". Nach Kriegsende zurück in Deutschland, fasste sie zunächst in Berlin, dann in Kampen auf Sylt, Fuß, wo sie 1951 den "Ziegenstall"eröffnete. Mit einem spartenübergreifenden Projekt, finanziell unterstützt vom Kulturministerium des Landes und der Gleichstellungsstelle des Kreises Plön, verneigen sich acht Künstlerinnen aus Schleswig-Holstein vor der 1978 verstorbenen Tänzerin. Eine Ausstellung mit Druckgrafik, Malerei und Wandobjekten wird heute unter dem Motto hummer, chicken, ziegenstall im Lutterbeker eröffnet. Zur Vernissage sowie am Todestag Valeska Gerts am 16. März bietet ein Bühnenprogramm mit Texten, Musik und Tanz Einblicke in ein ungewöhnliches Künstlerleben.   "Wenn man sich mit Valeska Gert beschäftigt, wird man irgendwann infiziert", sagt Birgit Rautenberg-Sturm, die das Projekt vor einem Jahr in die Wege leitete. Drei mal hat die Grafikerin aus Laboe bereits über die Ausnahmekünstlerin gearbeitet: 1992 beteiligte sie sich an einer "hommage à valeska gert" auf Kampen. Die Ausstellung ging im selben Jahr, erweitert durch neue Radierungen nach Berlin, wo Birgit Rautenberg-Sturm 1998 wiederum an einer Ausstellung mitwirkte. Um die "zündende, mitreißende Wirkung" der Künstlerin wissend, kam ihr die Idee für das vorliegende Projekt. "Die künstlerische Auseinandersetzung mit Valeska Gert und ihrem Lebenswerk setzt viel Energie frei und gibt Mut, die eigene künstlerische Einstellung notfalls auch gegen den Zeitgeist konsequent beizubehalten. Das macht das Projekt gerade für Frauen interessant." Vier bildende Künstlerinnen zeigen in der Galerie im Lutterbeker assoziative Arbeiten. Fünfte im Bunde ist die Textil- Künstlerin Brigitte Schirren, deren großformatige Tücher im Bühnenprogramm zum Einsatz kommen. Dynamisch- bewegt sind die Aktstudien aus Draht von Monika-Maria Dotzer, Atmosphärisches greift Uta Kathleen Kalthoff in ihren Collagen auf, die sie mit Textfragmenten versehen hat. Großformatige Linolschnitte von Birgit Rautenberg- Sturm, die Ausschnitte des Gesichtes der Tänzerin zeigen, sind auf die Signalfarben Valeska Gerts reduziert, zu deren Markenzeichen das weiß gekalkte Gesicht, der rot geschminkte Mund und die schwarze Kleidung gehörten. Expressives Lebensgefühl spiegelt sich in den Bildern von Annelies Hölscher, die mit schräger Farbigkeit an die Malweise der 20er Jahre anknüpft. Schräges bietet auch das lohnende Bühnenprogramm: Die Autorin Marion Hinz liest Texte von und über Valeska Gert, am Klavier begleitet von Marianne Schobert, die eine stimmige Musikauswahl von Debussy bis Brecht/Weill getroffen hat. Die Preetzer Choreografin Wübke Rohlfs schlüpft anschließend in akzentuierten Tanzszenen und Rezitativen in die Rolle der Künstlerin. Die wurde, weil sie wie im Rausch mit geschlossenen Augen tanzte, von Kritikern als Rauschgiftsüchtige verleumdet. Originalton Valeska Gerts: "Mein Rausch ist gesund. Er kommt aus einem Überschuss von Kraft." Sabine Tholund Bis 1. Mai im Lutterbeker. Eröffnung mit anschließendem Bühnenprogramm heute, 20 Uhr. Performance, Tanz und der Stummfilms "Die freudlose Gasse" mit Valeska Gert und Greta Garbo am 16. März, 21 Uhr.   presse auswahl 6
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